Die Maker-Bewegung hält Einzug in deutsche Bibliotheken. Eine Vorreiterrolle in der digitalen Bastlerwelt spielt die Stadtbibliothek Köln. Schon seit 2013 wird dort im Makerspace mit 3D-Scanner und Co. gearbeitet.

Als die Kölner Stadtbibliothek 2013 ihren Makerspace eröffnete, war sie in Deutschland allein auf weiter Flur. Seither stößt die aus den USA stammende Maker-Bewegung jedoch in immer mehr Bibliotheken auf großes Interesse. Zu denen, in denen mit modernen Geräten weit fortgeschritten gestaltet, gebastelt und experimentiert wird, gehört die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) in Dresden. Auch weitere Stadtbibliotheken wie z.B. in Göttingen, Hamburg, Erlangen und Bayreuth befassen sich in unterschiedlichem Umfang und Stadien mit dem Thema.

Der Informationsbedarf ist riesig. Beim Deutschen Bibliothekartag nimmt das Thema immer breiteren Raum ein, die Landesverbände informieren, Workshops sind überlaufen. Zu denen, die sich als Wissensvermittler rund um Makerspace und die ähnlich operierenden FabLabs (Fabrication Laboratory) bundesweit einen Namen gemacht haben, gehört die Technische Hochschule Wildau, deren Forschungsgruppe Innovations- und Regionalforschung das Kreativlabor ViNN:Lab betreibt. Der erste Makerspace-Workshop Anfang Oktober war lange im Voraus ausgebucht. Im Februar geht es weiter, mindestens zwei weitere Fortbildungsveranstaltungen für Bibliothekare werden 2016 folgen.

In einer Zeit, in der gedruckte Inhalte meist auch digitalisiert zur Verfügung stehen und persönliche Beratung in den Hintergrund rückt, sind Makerspaces für Bibliotheken ein neues Spielfeld der Wissensvermittlung. „Wissen kommt von Machen“ lautet entsprechend das Motto des SLUB-Makerspace in Dresden, das viele Bibliotheken übernommen haben.

Sie stellen sich als Orte zum Mitmachen neu auf und sehen im Makerspace ein geeignetes Instrument, sich als Kreativwerkstatt des 21. Jahrhunderts ins Gespräch zu bringen. Hier haben Tüftler und Bastler Gelegenheit, Ideen und Do-it-yourself-Produkte umzusetzen, sagt SLUB-Sprecherin Antonie Muschalek. Ein Hobbyraum, in dem nicht Säge, Holz und Klebstoff gefragt sind (obwohl es sie meist auch gibt), sondern elektronische Geräte wie 3D-Drucker und Lasercutter im Mittelpunkt stehen.

Die Ausstattung eines guten bibliothekarischen Makerspace lässt nur wenige Wünsche offen:

In der Inventarliste zum Beispiel der SLUB findet sich alles, was ein Bastlerherz höherschlagen lässt; Dremel, Tiefziehmaschine, Kunststoffbiegemaschine, Tischfräse, Heißdrahtschneider und mehr stammen zum Teil aus eigenen Beständen oder wurden von Sponsoren zur Verfügung gestellt; zu den Partnern des Projekts gehört u.a. das Fraunhofer-Institut.

Auch bibliothekarische Präferenzen können sich im Angebot niederschlagen. So wie in Köln, wo Musikbibliothek und Makerspace in enger Symbiose funktionieren. In der neu gestalteten vierten Etage der Zentralbibliothek stehen den Nutzern neben Werkzeug wie in Dresden auch iPads, Keyboard, Gitarren sowie ein Launchpad zur Steuerung von Musiksoftware zur Verfügung; an der Vinylbar können alte Schallplatten und an der VHS-Station Videokassetten digitalisiert werden.

 

Makerspace = Hardware + Kommunikation

Die Bereitstellung von Hardware ist ein wichtiger Aspekt, Kommunikation und Vernetzung der Nutzer aber ebenso. Erst die Summe beider Faktoren macht einen funktionierenden Makerspace aus. Typisch in den Hobbyräumen der digitalen Bastlergeneration ist das Wir-Gefühl, sagt Bettina Scheurer, Projektmanagerin der Kölner Stadtbibliothek. „Maker sind sehr kommunikativ, teilen ihr Wissen und experimentieren gern gemeinsam. In Köln ist in kurzer Zeit ein funktionierendes Netzwerk verschiedenster Gruppen entstanden.“

Die Erfahrungswerte sind überall ähnlich. „Wer zu uns kommt, will haptisch am Objekt erfahren, was geht und was nicht“, beobachtet Antonie Muschalek. ViNN:Lab-Manager Markus Lahr hat Hochachtung vor den Makern. „Das sind keine verkappten Erfinder, sondern sie sind einfach nur neugierig; motiviert werden sie in der Regel von dem Bedürfnis nach einer spezifischen Funktion in einer individuellen Form, die der Markt nicht hergibt.“

 

Ohne Grundkenntnisse geht nichts

Grundsätzlich sind in einem Makerspace immer erfahrene Mitarbeiter als Ansprechpartner vor Ort. Doch bevor sie die Nutzer an die zum Teil teuren Geräte lassen, stellen die Bibliotheken sicher, dass zumindest solide Grundkenntnisse vorhanden sind beziehungsweise vermitteln diese:

In Dresden erhalten die Benutzer des Makerspace nach der Einführung einen „Geräteführerschein“. Wer diesen in speziellen Kursen erworben hat, darf selbstständig im Makerspace arbeiten.

In Köln führen die als ausgewiesene iPad-Spezialisten bekannten Schüler der Klassen 10 und 11 der Kaiserin-Augusta- Schule (KAS) als „KAS Junior Experts“ interessierte Besucher in die digitalen Makerspace-Tiefen ein.

Gemeinsam mit dem Städtischen Gymnasium organisiert die Stadtbibliothek bereits im zweiten Jahr kostenlose Makerspace-Workshops für je zehn bis zwölf Teilnehmer, die vom Ministerium für Familie, Kinder, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert werden:

Neben einem 3D-Crashkurs für Anfänger geht es darin um Themen wie Komponieren mit dem iPad, Erstellung eines eigenen Weblogs und digitale Bildbearbeitung. Selbst das Programmieren von Robotern und Platinen steht auf dem Programm.

Für ihre ehrenamtliche Arbeit erhalten die rund 25 Schülerinnen und Schüler im Gegenzug ein Zertifikat „Lernen durch Lehren“, das von der Schule für den Unterricht anerkannt wird.

Weil die Kooperation so gut läuft, betreuen die „KAS Junior Experts“ auch den neuen „Maker Kids“; gefördert von „HIT Stiftung – Kinder brauchen Zukunft“, fanden die ersten Workshops für 8- bis 12-Jährige 2015 in den Oster- und Herbstferien statt.

 

Generationenübergreifender Makerspace

Die Teilnehmer an den Kölner „Maker Kids“-Workshops markieren das untere Ende der Altersskala, nach oben gibt es keine Grenzen. Das kam sehr unerwartet, sagt Bettina Scheurer. Als der Makerspace in Köln eröffnet wurde, hatte sie in erster Linie mit einem „jugendlichen, technologisch affinen Publikum“ gerechnet. Tatsächlich kommen generationenübergreifend Nutzer jeglichen Alters; nicht nur Männer, sondern auch Frauen; viele ohne jegliche Erfahrung mit der Materie.

Wie stark der Makerspace genutzt wird, wird bislang noch nicht in Zahlen festgehalten. „Reichlich“, stellt Muschalek knapp für die SLUB fest. Durch die wissenschaftliche Ausrichtung der Dresdner Großbibliothek handelt es sich bei allermeisten Nutzern um Studenten aus den verschiedensten Fachbereichen. In Wildau sind rund die Hälfte der Nutzer Studenten, etwa 10% Schüler, der Rest rekrutiert sich aus interessierten Bürgern.

Egal, ob öffentliche oder wissenschaftliche Bibliothek, der Makerspace ist für alle Bürger offen. Das Interesse in der Bevölkerung wächst stetig, beobachten Scheurer und Muschalek. Als die SLUB im Juni im Rahmen der traditionellen Dresdner „Langen Nacht der Wissenschaft“ bis Mitternacht den Makerspace geöffnet hatte, haben sich überraschend viele Besucher trotz der späten Stunde über das umfangreiche Angebot der Kreativwerkstatt informiert.

Anja Siegsieg@buchreport.de

www.stbib-koeln.de

www.slub-dresden.de

www.th-wildau.de/fg-innovation

 

Fotos: SLUB Dresden; Franzis