Die Maker-Bewegung verbindet Do it yourself mit modernen Technologien. Die Szene kam aus den USA nach Deutschland und findet immer mehr Anhänger. buchreport stellt Themen, Protagonisten und Schnittstellen zur Buchbranche vor.


Wenn der Deutsche die Arbeitswoche – nicht selten mit Dauerstress, Termindruck und Überstunden durchsetzt – absolviert hat, marschiert er am liebsten in den Baumarkt oder ein Bastelgeschäft. Das Zuhause wird für immer mehr Menschen zur Dauer-Baustelle, Do it yourself ist die neue Freizeitreligion in Deutschland. In keinem anderen Land Europas geben die Menschen mehr Geld in Heimwerker-Märkten und Bastelläden aus.
Es ist dieser Trend zum Selbermachen, der nicht nur den Baumärkten eine gute Konjunktur beschert: Der Umsatz des Baumarkthandels wuchs in den ersten neun Monaten 2015 um 3% auf 13,82 Mrd Euro. Er verschafft auch einer Szene Rückenwind, die aus den USA nach Deutschland gekommen ist und auch für die Buchbranche viel Potenzial birgt: den Makern.

Wer sind Maker?
Maker sind im weitesten Sinne Bastler, die oft moderne Werkzeuge wie 3D-Drucker oder kleine Computer einsetzen – oder aber eher im Analogen verhaftet sind, gern Mützen häkeln oder mit Lego Ideen umsetzen. Gebastelt wird zu Hause oder in sogenannten FabLabs oder Hackerspaces und Repair Cafés sowie auf Messen (den „Maker Faires“). In offenen Werkstätten können die Bastler gegen einen geringen Beitrag Maschinen und Werkzeuge wie 3D-Drucker, Fräsen oder Laser nutzen und sich mit regelmäßigen Workshops fortbilden. So entstehen Produkte, die es in der Massenproduktion nicht gibt. Inzwischen ist die Szene längst aus dem Nerd-Bereich oder dem Jean-Pütz-Dunstkreis („Hobbythek“) entwachsen, das Thema ist in Familien angekommen.
Wie schwer sind Maker?
Auch die Wirtschaft interessiert sich immer stärker für Maker, denn viele von ihnen bauen per 3D-Druck Prototypen, die mittels einer Crowdfunding-Plattform angeboten werden, um auf dieser Basis im nächsten Schritt ein Unternehmen zu gründen. So ist im Laufe der Jahre eine Boombranche mit einem weltweiten Milliardenumsatz entstanden. In den USA gehen Fachleute davon aus, dass die Maker-Industrie für einen Umsatz von fast 30 Mrd Dollar sorgt. Zu großen Firmen, die sich im Bereich Maker engagieren, gehören Ford, Cisco und General Eletric (GE).
In Deutschland gibt es schätzungsweise allein über 70 Hersteller von 3D-Druckern, mit einer riesigen Dienstleister-Branche als Satellit. 3D-Drucker gibt es inzwischen ab 150 Euro (zum Selbstzusammenbauen) bzw. 400 Euro (druckfertig geliefert).
Was sind Maker-Messen?
Maker Faires sind familienfreundliche Veranstaltungen, bei denen die Besucher basteln, bauen, erfinden, experimentieren, lernen und recyceln können. Maker selbst stellen ihre Projekte einer breiten Öffentlichkeit vor und erhalten ein direktes Feedback, indem sie sich vor Ort mit Gleichgesinnten und interessierten Besuchern austauschen. Die erste Maker Faire fand 2006 in San Mateo, Kalifornien, statt. Die Veranstaltung in der Bay Area wurde in diesem Jahr zum zehnten Mal ausgerichtet und ist mittlerweile eine Plattform für 900 Maker und mehr als 130 000 Besucher. Das zweite Maker-Großevent der Amerikaner ist in New York angesiedelt, 2014 mit mehr als 600 Makern und rund 85 000 Besuchern.
Rund um den Globus gibt es bereits über 150 Maker Faires. Die meisten werden jährlich organisiert, von Firmen, Institutionen oder aus der Community selbst heraus. Die bisher größte Maker Faire in Europa ist in Rom angesiedelt, mit insgesamt 90 000 Besuchern und über 600 vorgestellten Projekten. Daneben gibt es viele kleinere Ein-Tages-Veranstaltungen (sogenannte „Mini Maker Faires“) mit rund 10 bis 15 Ausstellern/Makern, die sich für ein paar Stunden in einem Raum treffen und austauschen.
Wer sind die Protagonisten?
Weil die Maker-Bewegung durch die Community angetrieben wird, stehen die Bastler selbst im Fokus der Aktivitäten. Darüüberhinaus gibt es auch Firmen, die teilweise den Rahmen vorgeben. Allen voran Maker Media, ein Verlag, der das US-amerikanische „Make“-Magazin herausgibt und außerdem die Marke „Make“ und die entsprechenden Messen weltweit vermarktet. Als Vater der Maker Faires gilt Dale Dougherty, Gründer und Executive Chairman von Maker Media. Er ist neben Tim O’Reilly einer der wichtigsten internationalen Vordenker beim Thema Internet bzw. Perspektive der weltweiten Netzgesellschaft (und seinerzeit Miterfinder des Begriffs „Web 2.0“).
Zum Portfolio von Maker Media gehören neben der Zeitschrift und den Messen auch Blogs, Video-Kanäle, ein Shop und andere Live-Veranstaltungen. Dass der Verlag Maker Media gut vernetzt ist, zeigt allein der Blick in den Youtube-Kanal der hauseigenen Zeitschrift „Make“, der von über 500 000 Menschen abonniert ist; die Videos wurden über 143 Mio Mal abgerufen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz vermarktet der Heise Verlag in Kooperation mit Maker Media die Maker-Messen, aktuell mit dem Schwerpunkt in Hannover (über 10 000 Besucher) und Berlin, dort erstmals im Oktober 2015 unter Schirmherrschaft von Sigmar Gabriel veranstaltet mit auf Anhieb über 8000 Besucher. 2016 stehen weitere Messen in Dortmund (März), Wien (April) und Friedrichshafen (Juni) an.
Wo sind die Schnittstellen zur Buchbranche?
Aktuell ergeben sich primär zwei Berührungspunkte: Bibliotheken und Buchhandel/Verlage. In immer mehr Bibliotheken gibt es Makerspaces, wo sich Maker treffen, basteln und austauschen. Zu den Bibliotheken, die sich in der Szene engagieren, gehören die Sächsische Landesbibliothek sowie insbesondere die Stadtbibliothek Köln (s. S. 72).
Im Buchhandel sind Maker-Bücher und Artikel rund um die Bewegung (z.B. Bastel-Kits) ein wachsendes Segment (s. auch S. 64). Spezialisierte Verlage wie Dpunkt und Rheinwerk haben sogar eigene Reihen dafür entwickelt. Fünfstellige Auflagen – mit herkömmlichen Computerbüchern nur schwer zu erzielen – sind bei Maker-Titeln möglich.
In den USA hat sich Barnes & Noble im November mit eigenen Mini Maker Faires bundesweit (s. S. 62) stark ins Zeug gelegt, um die Maker in seine mehr als 600 Filialen zu locken. Sowohl den Bibliotheken als auch dem Buchhandel gemein: Ihre Zielgruppen decken sich weitestgehend mit denen der Maker-Bewegung – es geht um die ganze Familie.
Daniel Lenz lenz@buchreport.de